Die neue Bürgerlichkeit beim grünen Nachwuchs von Maximilian Plenert
Das die Grünen inzwischen eine gutbürgerliche Partei sind ist allgemein anerkannt, folgerichtig werden aus den heutigen grünen Nachwuchspolitkerinnen auch die Bürgerinnen von morgen.
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Sie haben schon heute in ihrem Leben viele bürgerliche Elemente integriert, wenn auch meist in neuen modernen Deutungen. Diese kommende Creative class[1] mit einer starken postmaterialistischen Ausrichtung wird in den Städten Deutschlands das öffentliche Leben prägen und die kulturelle Hegemonie der Linksliberalen verteidigen. Diese Generation ist offen für Experimente – mit andern Parteien und neuen Ideen, die sie mit einer wachsenden kommunalen Verankerung auch vor Ort umsetzen können.
Wenngleich auch die Unterschiede zwischen groß- und kleinstädtisch geprägten GJlern bisher nur gelegentlich zum Vorschein und zur Diskussion kamen, gibt es auch hier neben der Heterogenität auch noch eine Menge kulturelle Differenzen. Auch wenn sie zusammen das Rückgrat für den gesellschaftlichen Wandel darstellen, unterscheiden sie sich doch stark in ihren Traditionen, Ritualen und Lebensweisen, ein Leben in einer Berliner WG ist halt nicht mit dem Leben in einer fränkischen Kleinstadt oder einem südhessischen Dorf vergleichbar.
Die neue Bürgerlichkeit definiert sich auch nicht mehr über Luxus oder Benimmregeln, sondern über ein Wissen um Differenz., in einem Qualitätsbewußtsein. Geiz ist nicht geil, den trotz aller Sparsamkeit wird das Geld für eine ökologisch einwandfreie Ernährung gerne ausgegeben.
Sieht man wie Götz Frank das Brockdorfurteil oder auch das Volkszählungsurteil als Teil der zögerlichem Annäherung des Bürgers an den Citoyen [2][3], könnte man die Grünen vielleicht statt als Bürgerrechtspartei als Partei der Staatsbürger, die sich ihre Rechte in der Praxis erstreiten, sehen.
Interessant bleibt auch das Verhältnis Junggrüner zum Thema Elite. Im Gegensatz zu den beiden Volkspartei ist das Klientel von FDP und Grünen doch deutlich privilegiert bzgl. Bildung, Einkommen und gesellschaftlichem Status. Trotz dieser Schnittmengen in Privilegien und einigen politischen Position, ist der Unterschied in Kultur und Denken mitunter riesig, zwischen einem GJ Buko und einem FDP Parteitag liegen Welten[4]. Zur gesellschaftlichen Elite gehören Mitglieder und Nachwuchsmitglieder der beiden Parteien der Besserverdiener aber zweifelsfrei. Trotzdem wird Elite und beispielsweise eine Förderung von Eliten in der Bildung als schädlich angesehen, Menschen die Elitenbildung fordern werden in die Nähe der NSDAP Bildungsideologie gerückt. Demokratiedefizit, Leistungsdruck statt vernünftiger Pädagogik, Lakaienzucht für die Wirtschaft sind die Kritikpunkte an dem vorherrschenden Elitenbegriff. Auf der anderen Seite sind es auch die Abwehrgefechte der grünen Eltern von Gymnasialschülern, die einen grundlegenden Wandel weg vom dreigliedrigen Schulsystem blockieren. So sehr die Grüne Jugend die soziale Reproduktion in diesem Land kritisieren, sie sind Teil eines sozialen Ghettos. Sie hebt sich in ihrer Denkweise, ihren Werten oder auch ihrer Lebensplanung und Lebensrisiken sehr deutlich vom proletarischen Jugend mit einem Alltag aus Hartz IV, RTL2, BILD. Das macht sich sowohl in ihrer Mitgliedsstruktur als auch in handfesten Kommunikationsproblemen innerhalb der Jugend festmachen.
Die Vereinigung linker Ideen, grünem Bewußtsein und den Werten des aufgeklärten Bürgertums schafft die Citoyens [5] von heute und morgen. Was diese flexiblen Menschen [6] allerdings auch prägt ist die Sehnsucht nach Bindung und Orientierung. Daran begründet sich auch eine neue Spiritualität. Nicht unbedingt christliche-kirchenkritische Gläubigkeit, sondern auch die Suche nach dem Göttlichen, dem nicht mehr Rationalen [7] ist für sie eine interessante Sache. Wegbeamen, mit Drogen, mit Sex, mit Musik, mit Wissen … alles dient ihrer persönlichen Suche nach der Erleuchtung. Eine neue Religion mit Kofi Annan als Jesus, den Menschenrechten als 10 Gebote, Mutter Gaia als Göttin und Gottesdienst im Drogenkonsumtempel [8] könnte innerhalb der Grünen Jugend einigen Erfolg haben.
Der Grünen Jugend mangelt es heute allerdings etwas ein identitätsstifentendem Image. Da haben rechtsradikale Jugendverbände einen deutlichen Vorteil. Mit postmaterialistischen Werten und linksliberalen Argumenten ist ein Nachwuchswerben ungleich schwieriger als mit scheinbar handfesten Vorstellungen von Heimat und Volk. Welche Antworten kann die Grüne Jugend liefern ? Volk? Weltbürger. Heimat ? Keine ? Hier besteht noch Bedarf an Diskussion. Di Fabio wird abgelehnt, weil er Fragen und Antworten liefert, die anderswo im demokratischen Lager schwer zu finden sind.
Die Gesellschaft wird eine Creative Class brauchen, die als Peers Wissen und Aufklärung in die breiten Bevölkerungsschichten der Postindustrienationen bringt. Fakt ist: Informationen waren noch nie so leicht verfügbar wie heute – trotzdem steigt der durchschnittliche Wissenstand und Aufklärungsstand der Gesamtbevölkerung nicht. Während eine kleine Gruppe längst in der Informationsgesellschaft lebt und über völlig andere Kommunikationsmöglichkeiten und Informationsquellen verfügt, kommt die breite Masse hier nicht ansatzweise hinterher.
Beispiele finden sich viele, in meinem Themenbereich Drogen ist eine zentrale Erkenntnis, dass noch nie so viele Menschen weltweit so viele Drogen konsumiert haben wie heute – aber das Wissen über die Drogen und ihre Wirkung noch nie so schlecht war. Andere sehr deutliche Beispiele liefern Umfang unter Jugendlichen zum Thema Sex, AIDS und Schwangerschaften, meine persönliche “Lieblingsaussage” ist hier: Mir wird nix passieren, mensch kann es ja AIDS Kranken ansehen, dass sie verseucht sind – und das obwohl wir im Jahr 2006 mit Internet, Wikipedia, schulischem Sexualkundeunterricht und millionenschweren Präventionmaßnahmen leben. Wer sollte hier besser aufklären können – angesichts des zunehmenden Versagens der öffentlichen Bildung – als hochinformierte (oder sollte numensch lieber sagen: medienkompetentes, weil Wissen ist wissen wo es steht) Peers a la GJ Mitglied ?
[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Creative_class
[2] Götz Frank: Die zögerliche Annäherung des Bürgers an den Citoyen, http://www.uni-oldenburg.de/presse/einblicke/39/3frank.pdf
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Volkszählungsurteil
[4] “Das Publikum schien durch ein Casting-Büro ausgewählt zu sein. [...] Sonnengebräunte und gut ausgebildete Menschen in guten Jobs und eine Gruppe weißer Musiker, die sangen wie schwarze Musiker. In Westerwelles Rede wurde ständig das Wort Steuerkürzung, Steuerkürzung und Steuerkürzung wiederholt. Westerwelles Vortrag hätte zu den Republikanern in den USA gepasst. Markt ist super, Staat ist doof” – Jeffrey Kopstein, Professor für Politische Wissenschaften in Toront, zitiert aus „Aus Merkel – Heldin für Südkorea“ http://www.taz.de/pt/2006/02/17/a0081.1/text
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Citoyen
[6] Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), Richard Sennett, http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Sennett
[7] Leider ist die Grenze zur Esoterik hier mitunter fließend, vgl. „Intuitiver Denkstil, Anhänger von alternativen Heilmethode sind rationalen Argumenten gegenüber wenig aufgeschlossen“, Psychologie heute, März 2006
[8] Wobei hier kein undurchdachter und künstlich – kapitalistisch angeregter Kaufkonsum, sondern ein hedonistisch furchtloser Genußkonsum gemeint ist, vgl. „Plädoyer für einen (auch) hedonistischen Umgang mit Drogen“ in „Das Drogenfachgeschäft – Modell für eine alternative Drogenpolitik“




Warum gibt es unter den Vorstandsmitgliedern fast nur Studenten und nicht mehr Azubis? Könnt ihr wirklich in Anspruch nehmen, für die ganze Jugend und deren Probleme zu sprechen, wenn 70 % der Jugend in der Grünen Jugend gar nicht repräsentiert werden?
Gute Frage, kurz gesprochen: Das liegt vermutlich an den größeren Freiheiten, die menschen als Studi bei seiner Zeiteinteilung hat, i.d.R. haben gerade Mitglieder des geschäftsführenden Bundesvorstand einen etwas bis sehr abgespeckten Stundenplan. Dann kommt noch der Berlinfaktor hinzu und ich denke es ist leider Student in Berlin zu werden als Azubi in Berlin. Das Problem grundsätzlich sehen wir auch und arbeiten dran, vgl. http://www.gruene-jugend.de/reden/318655.html